Zum Menü Zum Inhalt
ArchivArrowArrow downCloseFacebookFullscreenInstagramLogo TextMagnifierMinusNextNumberOverviewPinterestPrevQuote 1Quote 2Social MediaShareTwitterUpdatesWienerberger LogoYouTubeYoutube
Ausgabe #20

Der Einsatz des Roboters ist dort unerlässlich, wo der Mensch die Assemblierungslogik der einzelnen Steine nur noch sehr schwer erfassen kann.

Tobias Bonwetsch – Managing Director von ROB Technologies.

Tobias Bonwetsch Portrait picture architect
Zum Artikel
brick laying robot Gramazio Kohler Research ETH Zürich Switzerland
© Gramazio Kohler Research, ETH Zürich

MAUERWERK DURCH DIGITALE TECHNIKEN NEU DENKEN

Dach & Fassade

„Bauen, verstanden als Kunst der Umwandlung von Material in Architektur, findet im heutigen Zeitalter der digitalen Herstellung, bei der der Roboter eine direkte Verbindung zwischen Entwurf und Produktion ermöglicht, seine radikalste Erfüllung. Hier entfaltet die Architektur durch die Verschmelzung von digitaler Logik und neuartiger Maschinenprozesse ihren zeitgenössischen und treffendsten konstruktiven Ausdruck. Durch den Roboter enthüllt das Digitale seine verborgene ‚konstruktive Natur‘ und treibt da- durch die entscheidende Fortsetzung der konstruktiven Tradition der Architektur im Informationszeitalter voran.“1

Roboter dringen heute in die unter- schiedlichsten Tätigkeitsfelder vor. Die Bauindustrie ist hier keine Ausnahme, und so entzieht sich auch der Ziegel, eines der ältesten und traditionsreichsten Baumaterialien, nicht der Verarbeitung mittels digitaler Fabrikationstechnologien. Der Einsatz digitaler Technologien in der Architektur ermöglicht  eine nahtlose Durchdringung von Informationen über den gesamten Herstellungsprozess. Roboter im Speziellen erlauben das Überführen digitaler Entwurfsinformationen in einen physischen Herstellungsakt. Kombiniert mit intelligenten Kontrollsystemen bieten Robotersysteme die für die Bauausführung notwendigen Fertigkeiten und hohe Flexibilität.

brick laying robot Gramazio Kohler Research ETH Zürich Switzerland ROB
© Gramazio Kohler Research, ETH Zürich

Dabei lässt sich die Sinnhaftigkeit des Roboters nicht auf bloße Produktivitätssteigerung und eine generelle Vereinfachung des Konstruktionsprozesses reduzieren. Vielmehr beeinflusst der Roboter grundlegende Prinzipien des Entwurfs- und   Fabrikationsprozesses.  Wie  das  Projekt „Fassade Gantenbein“ von Gramazio Kohler Architects (2006) oder die kürzlich fertiggestellte 3.500-Quadratmeter-Gebäudehülle für das Projekt „Le Stelle“ von Buzzi studio di architettura aufzeigen, kann die Einführung digital kontrollierbarer, maßgeschneiderter Konstruktionsprozesse neuartige architektonische Potenziale frei- setzen – sowohl ästhetisch als auch funktional. Dass diese ersten architektonischen Anwendungen eines Industrieroboters gerade Mauerwerkskonstruktionen sind, ist kein Zufall. Besonders das Fügen von Ziegeln eignet sich exemplarisch dafür. Entscheidend aber sind die architektonischen Qualitäten des Ziegels als eines der grundlegenden Bauelemente in der Architektur.

In erster Linie ist dies die Anpassungsfähigkeit an unterschiedlichste architektonische Stile und Bedürfnisse. Sie basiert auf der simplen, generischen Geometrie des Ziegels und der relativ kleinen Maße im Verhältnis zum fertigen Objekt. Ziegel können in unzähligen unterschiedlichen Kombinationen zusammengesetzt werden und erlauben die Realisierung mannigfacher Gebäudeformen.

brick laying robot Gramazio Kohler Research ETH Zürich Switzerland
© Gramazio Kohler Research, ETH Zürich

Jedoch folgt traditionell erstelltes Mauerwerk aufgrund seiner konstruktiven Logik und der Anzahl an benötigten Ziegelsteinen für ein schnell eine kritische Größe überschreitendes Ganzes häufig der Logik eines starren, regulären Rasters. Hier greift die offensichtlichste, aber auch radikalste Konsequenz eines roboterbasierten Mauerwerksprozesses: die Fähigkeit der digitalen Kontrolle einer großen Anzahl an Elementen und, was von wesentlicher Bedeutung ist,  diese frei im Raum zu positionieren. In Kombination mit digitalen Entwurfswerkzeugen erlaubt der Roboter Mauerwerkskonstruktionen aus mehreren Tausend Ziegeln jenseits von einem  traditionellen  Raster und wiederholbaren Typologien – und somit eine grundsätzliche Auseinandersetzung mit architektonischer Komplexität.

Die oben genannten Architekturbeispiele zeichnen sich durch eine detaillierte und strukturierte Organisation ungewöhnlich vieler Elemente aus, woraus hoch differenzierte, einzigartige Mauerwerkskonstruktionen resultieren. Diverse ästhetische und funktionale Anforderungen an das Mauerwerk – wie ein expressives und ornamentales Erscheinungsbild und der Bedarf an unterschiedlich starker  Opazität  –  werden  dabei in einem homogenen Ganzen synthetisiert. Die resultierenden Mauerwerkskonstruktionen er- scheinen materiell vertraut und gleichzeitig technologisch fremd. So erweitert die Kombination eines etablierten Baumaterials mit neuen digitalen Entwurfsprozessen und Fabrikationstechnologien  die  architektonischen  Kapazitäten von Mauerwerk und ermöglicht es, dieses in Teilen neu zu denken.

Dieser Essay wurde ursprünglich im Wienerberger Brick Award Buch “Brick 16” publiziert in der Kategorie Special Solution.

1 F. Gramazio, M. Kohler and J. Willmann, The Robotic Touch, p. 181