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Ausgabe #22

Wenn man etwas Existierendes verwendet, ist es viel einfacher, andersartige und bedeutungsvolle Orte zu schaffen, als wenn man bei null anfängt.

Siiri Vallner - Kavakava

architect Siiri Vallner portrait picture
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architect Siiri Vallner portrait picture
Siiri Vallner ©Tarvo Hanno Varres

DAS SCHLÜSSELINSTRUMENT FÜR RENOVIERUNGEN IST KREATIVITÄT

Interview

KAVAKAVA ist ein Architekturbüro in Estland mit Siiri Vallner und Indrek Peil als wichtigsten Vertretern. Ihre Arbeit ist immer standortspezifisch und hebt das Potenzial eines speziellen Orts hervor. Gleichzeitig ist es ihr Ziel, neue Situationen entstehen zu lassen. Wenn ein altes Gebäude über genügend echtes und authentisches Material verfügt, wandeln sie es in etwas Neues, Kreatives um. Siiri Vallner erläutert ihren Ansatz für Renovierungsprojekte.

Sie haben kürzlich die Renovierung des neuen Kreativ- und Eventzentrums „Kultuurikatel“ in Tallinn abgeschlossen. Was war die Herausforderung bei diesem speziellen Projekt?

Das „Kultuurikatel“ ist ein ehemaliges Elektrizitätswerk zwischen der Altstadt und der Ostsee. Der ehemalige Kraftwerkskomplex wurde nach und nach erbaut, einige Teile im 19. Jh., aber das meiste im letzten Jahrhundert. Es war als denkmalgeschütztes Gebäude klassifiziert. Deshalb war es nicht einfach, die Nutzung der Räume zu ändern.

Wie gehen Sie mit Beschränkungen um, die oft beim Renovieren eines Gebäudes auftauchen?

Kreativ. In diesem Fall war das wichtigste Designwerkzeug das Entfernen von Dingen, um die bestehende Struktur möglichst attraktiv zu enthüllen.

brick facade building factory renovation front view Kultuurikatel Tallinn
© Tõnu Tunnel
brick facade building factory renovation front view Kultuurikatel Tallinn
© Tõnu Tunnel

Bedeutet das, dass Sie einen Plan entwickelt haben, die Originalmaterialien und -konstruktionen zu zeigen, statt neue Elemente hinzuzufügen?

Wir haben nur eine ganz begrenzte Menge an neuen Dingen hinzugefügt. Der Kamin und die Schornsteine, für die wir Ziegel verwendeten, waren schon so ungewöhnlich und eindrucksvoll, dass wir beschlossen, uns an den vorhandenen baulichen Merkmalen zu orientieren. Ursprünglich war alles aus Ziegeln, da die Temperatur im Innern sehr hoch war. Folglich verwendeten wir auch für den neuen zusätzlichen Raum, den Dachaufbau mit Schornsteinen, Ziegel.

Wie würden Sie die Herausforderung der Renovierung eines denkmalgeschützten Gebäudes und der gleichzeitigen Schaffung eines informellen kreativen Raums für moderne Nutzung beschreiben?

Wir verwandelten das Kraftwerk in ein zwangloses Kulturzentrum für Künstler und Musiker. Das Schlüsselkonzept des Raumprojekts ist Offenheit und Sichtbarmachung der Materialien – Ziegel, Stahl und Beton. Das ermöglichte uns die Schaffung eines authentischen Designs mit äußerst geringen Finanzmitteln. Tatsächlich war das Budget sehr beschränkt. Und das bedeutet, dass jeder Eingriff ganz präzise und punktgenau sein muss. Nach der Renovierung stehen in dem Zentrum jetzt verschiedene Säle und Räume für Aufführungen und Proben zur Verfügung sowie Künstlerateliers, Büros und viel gemeinsam nutzbarer Raum. Das Entwurfskonzept wurde zusammen mit dem Konzept für das neue Kreativzentrum „Kultuurikatel“ entwickelt.

 

factory renovation industrial design interior view Kultuurikatel Tallinn
© Tõnu Tunnel
brick facade building factory renovation detail view Kultuurikatel Tallinn
© Tõnu Tunnel

Welche Projekte sind Ihrer Meinung nach für Renovierungen am besten geeignet?

Alle, bei denen noch genügend echtes und authentisches Material vorhanden ist. Ziegel ist beispielsweise eines der Materialien, das für diese Art von Projekten bestens geeignet ist – in Form von Kombination aus altem und neuem Material. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es für eine erfolgreiche neue Nutzung unerlässlich ist, Impulse von außen zu integrieren, Workshops abzuhalten und den Vorschlägen der möglichen neuen Nutzer Gehör zu schenken. Wenn man mit den verschiedenen beteiligten Parteien kommuniziert, kann man neue Inhalte entwickeln.

Das ästhetische Erscheinungsbild kann sich bei der Renovierung eines Gebäudes völlig verändern, wie bei Ihrem Projekt Raua Sauna. Wie und wann ist diese Idee entstanden? Was war der Grund dafür, dass Sie das ganze Gebäude mit einer Gitterstruktur aus Ziegeln verkleidet haben?

In diesem Fall war das bestehende Gebäude sehr einfach, nur eine Art Pavillon. Aber es liegt in einem eleganten Stadtviertel, in dem die meisten Gebäude denkmalgeschützt sind. Wir brauchten also etwas Bescheidenes, das in dem denkmalgeschützten Viertel nicht heraussticht, aber gleichzeitig eindeutig neu und modern wirkt. Natürliches Tageslicht in den Räumen war auch wichtig, aber natürlich unter Beibehaltung der Privatsphäre. Ein weiterer Aspekt ist: Wir möchten, dass unsere Gebäude schön altern – und dafür sind Ziegel einfach perfekt. Die älteren Gebäudeteile wurden im ursprünglichen Stil renoviert – einer Mischung aus Jugendstil und Funktionalismus. Das Pavillon-Gebäude zur Straßenseite haben wir völlig neu gestaltet und in eine Gitterstruktur aus Ziegeln gefasst. Der neue Look wirkt bescheiden, stellt jedoch eine klare Verbindung zu dem denkmalgeschützten Stadtviertel her.

 

grey brick facade design front view Raua sauna Tallin
© Gert Kasak, Statiiv OÜ

Was macht Renovierungen so interessant?

Das Entdecken, „Lesen“ und Neugestalten von bestehenden Raumkonzepten. Als wir mit der Planung des „Kultuurikatel“ anfingen, schauten wir uns zuerst die räumlichen Verbindungen in senkrechter und waagrechter Richtung an. Beispielsweise ist der Keller über den Schornstein zugänglich. Das bringt eine weitere Dimension gegenüber der üblichen horizontalen Bewegungsweise im Raum ins Spiel.

Was sind die Vorteile von Renovierungen?

Wenn man etwas Existierendes verwendet, ist es viel einfacher, andersartige und bedeutungsvolle Orte zu schaffen, als wenn man bei null anfängt. Andererseits sind Renovierungen letzten Endes häufig teurer, als wenn man von Grund auf neu baut. Doch Architekten können als Trendsetter neue Methoden und ästhetische Prinzipien einführen, die kostengünstiger sind.

 

grey brick facade gap design detail view Raua sauna Tallin
© Gert Kasak, Statiiv OÜ