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Ausgabe #26

Ziegel gibt es in unendlichen Variationen und Farbnuancen. Daraus ergeben sich zahllose Möglichkeiten an Mustern.

Kari Nissen Brodtkorb

Photo: Kari Nissen Brodtkorb
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Photo: Kari Nissen Brodtkorb
© Kari Nissen Brodtkorb

AB AUF DIE BAUSTELLE!

Dach & Fassade

Die 1942 geborene norwegische Architektin und bekennende Feministin Kari Nissen Brodtkorb kann auf ein umfangreiches Lebens­werk zurückblicken. Für ihre teils großvolumigen Gebäude erhielt sie zahl­reiche Auszeichnungen. Im Gespräch stellt sie eines ihrer letzten realisierten Projekte vor und erklärt ihre tiefe Verbundenheit mit dem Material Ziegel.

Frau Brodtkorb, wofür steht Ihre Architektur? Was inspiriert Sie?
Ich habe in allen meinen Projekten immer einen humanistischen Ansatz verfolgt. Das beginnt mit einem menschlichen Maßstab der Baukörper und vor allem auch der Zwischenräume, die oft übersehen werden. Ich stelle mir Gebäude oft als die Wände des Freiraums vor. Darüber hinaus geht es mir um einen lebendigen Entwurf, der den lokalen Kontext widerspiegelt, denn der Ort ist oft so dynamisch wie die Menschen. „Motion and Emotion“ ist mein Motto – meine Projekte berühren die Menschen. Umgekehrt werden sie auch gerne berührt, weil ich viel Wert auf das Material der Oberflächen lege. Deshalb mag ich auch Ziegel besonders gerne. Ich habe immer versucht, effiziente Konstruktionen für meine Projekte zu entwickeln, denn dann bleibt mehr Budget für hochwertiges Material.

Eines Ihrer letzten Projekte ist das Gebäude­paar „Ternen“ und „Sjostjernen“, was auf Deutsch „Seeschwalbe“ und „Seestern“ bedeutet. Wie haben Sie hier Ihren architektonischen Anspruch konkret umgesetzt?
Die zwei Wohnbauten stehen in dem ehemaligen Hafen- bzw. Industriegebiet „Damsgaardssundet“, mit dem Fjord vor der Tür und wunderschönen Bergen im Rücken, nur einen kurzen Spaziergang vom Zentrum von Bergen entfernt. Das gesamte Areal wurde in eine moderne Nachbarschaft zum Wohnen und Arbeiten transformiert. Der Entwurf verleiht dem Gebäudepaar einen kraftvollen, dynamischen Ausdruck, der sie robust in die dramatische Landschaft mit dem wilden Fjord und den steilen Bergen einfügt. Vor allem die um 103° geneigte Fassade Richtung Wasser verleiht dem Projekt seine unverwechsel­bare, lebendige Erscheinung. Ternen und Sjostjernen wurden in zwei getrennten Phasen geplant und gebaut – Ternen wurde 2010 fertiggestellt und Sjostjernen 2017. Trotz leichter Unterschiede in den Wohnungsgrundrissen haben sie dieselbe Ästhetik.

Building: Sjostjernen
© Jan M. Lillebø, Per Ivar Ødegaard, Kari Nissen Brodtkorb

Die Fassade ist mit grauen Ziegeln eingedeckt und bricht an verschiedenen Stellen auf. Dort kommt rote Farbe zum Vorschein. Woher stammt diese Idee?
Als ich vor vielen Jahren durch das noch nicht entwickelte Gebiet spazierte, sah ich zufällig ein altes, verfallenes Haus. Es war grau verkleidet, vermutlich mit Eternit, und an einigen Stellen brach das Material auseinander und brachte eine rot lackierte Schicht darunter zum Vorschein. Das hat mich sehr inspiriert. Das Material Ziegel eignet sich besonders gut für die raue Küste mit ihrer salzigen Luft und die graue Farbe bezieht sich zugleich auf die typischen, meist mit Schiefer eingedeckten alten Häuser in ­dieser Gegend.

Sie haben erwähnt, dass Sie Ziegel als Material grundsätzlich sehr mögen. Hat das rein pragmatische Gründe, weil viele Ihrer Gebäude am Wasser stehen und die salzige Luft hohe Ansprüche an das Fassadenmaterial stellt, oder sind Sie darüber hinaus mit dem Material verbunden?
Meine ersten Erfahrungen mit Mauerwerk habe ich bereits 1962 gemacht, als ich während des Architekturstudiums als Lehrling auf verschiedenen Baustellen, unter anderem in Österreich und Italien, arbeitete. Ich habe mich sofort in Ziegel verliebt! Mich hat von Anfang an fasziniert, dass man aus so kleinen Teilen so große Gebäude errichten kann! Sie sind so handlich und lassen sich gut angreifen – eine Ziegelwand lädt dich regelrecht ein, sie zu berühren! Es gibt sie in unendlichen Variationen und Farbnuancen und es ergeben sich zahllose Möglichkeiten an Mustern, die man aus Ziegeln herstellen kann. Ich liebe die Haptik des Materials und die Dreidimensionalität der Wand – ein Relief, das einen Schatten wirft. Denn ohne Schatten verliert man die Form! Diese frühen Erfahrungen auf der Baustelle haben meine spätere Arbeit sehr geprägt.

Building: Sjostjernen
© Jan M. Lillebø, Per Ivar Ødegaard, Kari Nissen Brodtkorb
Building: Sjostjernen
© Jan M. Lillebø, Per Ivar Ødegaard, Kari Nissen Brodtkorb

Sie waren auch einige Jahre als Professorin an der Universität von Oslo tätig. Haben Sie eine Botschaft, die Sie jungen Menschen, die Architektur studieren, mit auf den Weg geben möchten?
Anfang der 1990er Jahre habe ich eine Professur für Architektur übernommen und gleichzeitig in meinem Büro weitergearbeitet. Als Professorin war es mir unter anderem wichtig, vor allem den Studentinnen zu zeigen, dass es auch erfolgreiche ­Architektinnen gibt, die große Häuser bauen. Damals war die Branche in den Büros und auf den Universitäten noch mehr von Männern dominiert als heute. Bevor ich 1985 mein eigenes Büro gründete, in dem ich später bis zu zwölf Architektinnen beschäftigte, war ich selbst Partnerin in einem Büro, das sonst nur von Männern geführt wurde. Einige meiner damaligen Mitarbeiterinnen haben mittlerweile mein Büro übernommen und führen es unter einem neuen Namen weiter. Aber zurück zu den jungen Menschen: Aufgrund meiner eigenen Erfahrungen empfehle ich jedem, viele Praktika zu machen und auch auf die Baustellen zu gehen!

Statement des Bauherrn (Zitat Ole Herbrand Kleppe)
Im Jahr 2008 begann Bergen og Omegn Boligbyggelag (kurz BOB), eine der größten Wohnbaugesellschaften Norwegens, mit der Umgestaltung des Viertels Damsgaardssundet, das heute eine lebhafte Gegend mit mehr als 1.500 neuen Wohnungen und rund 10.000 m2 Büros und Geschäften ist. Die Hauptidee war, das Gebiet mit verschiedenen architektonischen Stilen zu bereichern, gleichzeitig aber seine Identität und Seele zu bewahren. Ternen und Sjostjernen sind zwei Schlüsselprojekte dieser Transformation. Kari Nissen Brodtkorb wählte die Actua-Fassaden von Wienerberger, die den Projekten ein einzigartiges Aussehen verleihen. 2010 wurde Ternen aufgrund seines besonderen architektonischen Designs in Bergen zum Gebäude des Jahres gewählt. Wir finden das Ergebnis wunderbar. Die Kombination der Gebäudeform und des eigenen Charakters, die die Actua-Fassaden geben, sichert die Identität nicht nur für Ternen und Sjostjernen, sondern für den gesamten Damsgaardssundet.

Koramic Actua 708 Grey Engobe

Koramic Actua Roof Tiles, Grey Engobe (708) – Norwegen